Posted by: nikandrow | Dezember 2, 2007

Zufriedenheit

Genug der Metaphysik! Fassen wir die Überlegungen der letzten Tage zusammen, um zu sehen, welchen praktischen Nutzen wir daraus ziehen können. 

Also es gibt da ein gewisses Etwas, eine transzendente Entität, die nicht wahrgenommen werden kann und dennoch die Rahmenbedingungen für die natürliche Entwicklung des Universums als Ganzes und des Menschen im Speziellen stellt. Ein Beispiel für eine solche Rahmenbedingung ist die Existenz der sog. Raumzeit, in die unser Universum „eingebettet“ ist. Auf der Suche nach einer passenden Metapher für das Transzendente haben wir zwei Konzepte miteinander verglichen: Die westliche aus der jüdisch-christlichen Tradition hervorgegangene Vorstellung von Gott als Schöpfer und Lenker und das fernöstliche Konzept vom Dao als unpersonifizierte, unpersönliche Kraft, das oberste kosmische Prinzip, nach dem sich die Welt auf natürliche Art und Weise entwickelt. 

Durch die Personifizierung von Gott ergibt sich eine Reihe unangenehmer Nebenwirkungen, abgesehen davon, dass es von größtem Hochmut zeugt, dem Allmächtigen, dem höchsten Wesen lauter menschliche Eigenschaften zuzuschreiben. Normalerweise kommt hier das „Argument“, dass Gott uns nach seinem Vorbild erschaffen habe. Aber hat er dann nicht auch Bäume, Flüsse, Hunde und Kakerlaken erschaffen? Hat er sie nicht auch nach seinem Vorbild erschaffen? Warum geht keiner so weit, Gott mit einer Kakerlake zu vergleichen? Wenn überhaupt, dann sind alle Wesen und alle Dinge Abbilder eines bestimmten Teilaspekts von Gott. 

Elefant

An dieser Stelle kommt mir ein altes indisches Gleichnis in den Sinn: 

Drei Blinde treffen einen Elefanten. Der erste fasst sein Bein an und sagt, der Elefant sei ein Baum. Der andere fasst seinen Rüssel an und sagt, sein Vorgänger habe gelogen, der Elefant sei eine Schlange. Der Dritte fasst dann den Elefanten am Ohr und sagt, sie würden beide lügen, denn der Elefant sei weder ein Baum, noch eine Schlange, in Wirklichkeit sei er ein Lappen.  

Nun wer von diesen dreien hat jetzt gelogen? Keiner. Der Elefant lässt sich sowohl als Baum, als auch Schlange oder Lappen beschreiben, doch entzieht er sich in seiner Gesamtheit ihrem Wahrnehmungsvermögen. 

Das heißt, egal welche Eigenschaften man dem Transzendenten zuschreibt, man schafft es nicht, es in seiner Gesamtheit zu begreifen, weil es sich unserer Wahrnehmung entzieht. Das heißt auch, man sollte ihm so wenige Eigenschaften zuschreiben, wie nur möglich. Allein schon von diesem Standpunkt aus ist die Personifizierung des Transzendenten unsinnig, denn jede Beschreibung ist die Verneinung der Transzendenz und je genauer man das Transzendente definiert, desto weiter entfernt man sich von seinem eigentlichen Wesen. 

Und wenn man an einen personifizierten Gott glaubt, ist er nicht transzendent, sondern nur ein Teilaspekt, eine Erscheinungsform des Transzendenten, ein Wesen wie du und ich auch. Man kann an einen solchen Gott glauben, doch sollte man sich darüber im Klaren sein, dass die Existenz eines solchen Wesens zwar möglich ist, jedoch bislang nicht bewiesen werden konnte und mehr noch aus keiner logischen Überlegung heraus abgeleitet werden kann. Und da frage ich mich nach dem Sinn eines solchen Glaubens, das sich übrigens in keiner Form mehr vom Heidentum unterscheiden lässt, ja vielleicht sogar ärmer geworden ist, da die Vielzahl der Götter auf einen einzigen Gott reduziert wurde. 

Ganz abgesehen von all dem Leid, den die monotheistischen Religionen – allen voran das Christentum – in Form von Glaubenskriegen, Verfolgungen Andersdenkender und „Ungläubiger“, Hexenverbrennung, Inquisition etc. hervorgebracht haben. Nun wird man sagen, dass all das mit dem Glauben im Prinzip nichts zu tun hat und eher der politischen Instrumentalisierung der Religion zuzuschreiben ist. Schon möglich, doch Fakt bleibt Fakt, das sind unangenehme Nebenwirkungen des Monotheismus und für eine Religion wie Daoismus, die keinen personifizierten Gott und keinen missionarischen Eifer kennt, ist ein solches Verhalten fremd. 

Die Personifizierung bedeutet, dass Gott in der Vorstellung der Gläubigen ein „menschliches Gesicht“ bekommt. Emotionen kommen ins Spiel. Man neigt dazu eine starke Bindung auf der Gefühlsebene Gott gegenüber zu entwickeln, oft indem man Gefühle, die man als Kind für seine Eltern empfunden hatte, auf Gott projiziert. Gott wird zum Vaterersatz im Erwachsenenalter. Und das ist insofern gefährlich, dass es Nährboden für Gewalt und für religiösen Extremismus bietet.


Tao

Bemerkenswerte Konsequenzen ergeben sich dagegen aus der Nichtpersonifizierung des Dao auf der praktischen Ebene. Der Kult trägt im Daoismus einen rein subjektiven Charakter, denn das Dao verlangt keine Aufmerksamkeit in Form von Gebeten und Opfergaben und kein Gehorsam. Dao ist Freiheit. Freiheit von Ehrfurcht, Gehorsam und von religiösen Pflichten. 

Entsprechend ist die daoistische Ethik frei von Moralvorstellungen und konzentriert sich auf die wahre Tugend (). Die wahre Tugend ist der Zustand der Harmonie, des Einklangs mit dem Dao.   

Kapitel 38: 

Hohe Tugend ist nicht tugendbewusst,
darum ist sie wahre Tugend,
Niedere Tugend ist tugendbewusst,
darum ist sie nicht wahre Tugend

.……
…….
 

Verliert man Tao,
bleibt danach Tugend.
Verliert man die Tugend,
bleibt danach Menschlichkeit.
Verliert man die Menschlichkeit,
bleibt danach Gerechtigkeit.
Verliert man die Gerechtigkeit,
bleibt danach die Moral.

Die Moral
ist nur der äußere Schein von Treu und Glauben
und der Verwirrung Beginn.
  

Kapitel 18: 

Wird das große Tao aufgegeben,
erheben sich Menschlichkeit und Gerechtigkeit.
Tauchen Wissen und Klugheit auf,
gibt es die große Heuchelei.
 

Wenn die Familien nicht im Einklang leben,
zeigen sich Kindespflicht und Elternliebe.
Sind Land und Familien in Verwirrung,
gibt es die treuen Beamten.
  

Die wahre Tugend lässt sich am besten mit dem Ausdruck Zufriedenheit beschreiben. Nicht Zufriedenheit im Sinne von Glück, weil Glück ein extremes Gefühl ist und sich schnell zum Unglück wenden kann, sondern jene natürliche Zufriedenheit, die aus der Natürlichkeit des Handelns (Wu Wei) resultiert. Natürlichkeit des Handelns heißt, Gutes zu tun, nicht weil man es soll, sondern weil es der natürliche Gang der Dinge ist. Wer Gutes tut, ist zufrieden mit sich selbst und mit seiner Umgebung. Wer zufrieden ist, tut Gutes. Der Kreis schließt sich automatisch. 

Die Natürlichkeit des Handelns (Wu Wei) wird meistens wortwörtlich übersetzt als Nicht-Tun. Hinter dem chinesischen Begriff Wu Wei (無為) steht die Vorstellung, dass wenn man sich natürlich – dem Dao entsprechend – verhält, kann solches Verhalten nicht auf den Menschen, sondern direkt auf das Dao zurückgeführt werden. 

Schauen wir im Dao De Jing nach, wie Lao Tzu ein solches natürliches Verhalten (Nicht-Tun) beschreibt. 

Kapitel 2: 

Darum der Weise:
Er beharrt im Tun des Nicht-Tun
und lebt die wortlose Lehre.
Die abertausend Wesen treten hervor,
und er weicht nicht davon ab.
Er erzeugt und besitzt nicht.
Er wirkt und hängt nicht daran.
Ist das Werk getan, verweilt er
nicht dabei.
 

Eben, weil er nicht verweilt,
ist nichts, das ihm entgeht. 
  

Eine ähnliche Beschreibung findet sich in Bezug auf die wahre Tugend, die das natürliche Verhalten erzeugt und gleichzeitig aus ihm hervorgeht. 

Kapitel 10: 

Erzeugen, doch nicht besitzen,
wirken, doch nicht daran hängen,
behüten, doch nicht beherrschen,
das ist die verborgene wahre Tugend.
  

Doch wie sieht dieses natürliche Verhalten in der Praxis aus?  

Im Dao De Jing findet man an vielen Stellen die Beschreibung des Weisen, der im Einklang mit dem Dao lebt, also die wahre Tugend besitzt und natürliches Verhalten an den Tag legt. Schauen wir uns einige Beispiele an.  

Kapitel 33: 

Wer andere kennt, ist klug,
wer sich selbst kennt ist weise.
Wer andere bezwingt, ist stark,
wer sich selbst bezwingt, ist unbezwingbar.
Wer sich durchsetzt, hat Willensstärke,
wer sich begnügt, ist reich.
 

Wer nicht seinen Platz verliert, hat Dauer,
wer auch im Tode nicht vergeht, lebt ewig.
  

Kapitel 24: 

Wer auf Zehenspitzen steht,
steht nicht fest.
Wer die Beine spreizt,
kommt nicht voran.
Wer sich zur Schau stellt,
der leuchtet nicht.
Wer sich selbst gefällt,
ist nicht schön.
Wer sich selbst rühmt,
hat kein Verdienst.
Wer sich selbst erhebt,
ragt nicht hervor.
 

Kapitel 49: 

Der Weise hat kein verschlossenes Herz,
die Herzen der Menschen
sind ihm sein eigenes Herz.
 

Kapitel 27: 

Darum der Weise:
weiß stets die Menschen gut zu bewahren,
weil er keinen Menschen verwirft.
 

Kapitel 17, 23: 

Wer nicht genug vertraut,
dem vertraut man nicht.
 

Kapitel 28: 

Kenne die Hoheit, bewahre die Demut,
so wirst du zum Tal der Welt.
Bist du das Tal der Welt,
hast du der wahren Tugend Fülle
und kehrst wieder heim zur Einfalt.
 

Kapitel 46: 

Wer sich am Genügenden zu genügen weiß,
wird stehts genug haben.
 

Kapitel 39: 

Wer allzu sehr auf Ehre schaut,
bleibt ohne Ehre.
 

Wünsche nicht wie ein Juwel zu glänzen,
sei roh und rau so wie das Felsgestein.
 

Kapitel 71: 

Darum der Weise:
Er trägt ein unscheinbares Gewand
und birgt das Juwel in der Brust.
  

Selbstreflektion, Willensstärke, Offenheit, Vertrauen, Genügsamkeit und Bescheidenheit sind - sofern man Lao Tzu Glauben schenkt - Eigenschaften des Weisen und gehen somit aus seiner Zufriedenheit hervor. Aber es bedeutet gleichzeitig auch, dass man den Zustand der Zufriedenheit erreichen kann, indem man eben diese Eigenschaften bei sich kultiviert. 

Kapitel 81: 

Der Weise häuft keinen Besitz an,
je mehr er für die Menschen tut,
desto mehr besitzt er,
je mehr er den Menschen gibt,
desto mehr empfängt er.
 

Der Weise, der im Einklang mit dem Dao lebt und zufrieden ist, legt natürliches (tugendhaftes) Verhalten an den Tag, welches eine positive Reaktion seitens der Gesellschaft hervorruft und seine Zufriedenheit stärkt.  

Zufriedenheit bewirkt Zufriedenheit. Der Kreis schließt sich…

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