Mir ist aufgefallen, dass ich im vorigen Posting das Wort Emergenz falsch benutzt habe. Emergenz ist nichts anderes als die Tatsache, dass ein System Eigenschaften entwickelt, die nicht auf die Eigenschaften der einzelnen Komponenten exakt zurückzuführen sind. Ein Beispiel dafür ist die Bewusstseinsbildung. Der kognitive Apparat des Menschen besteht bekanntlich aus einer Vielzahl vernetzter Neuronen, deren Eigenschaften (nämlich einen elektrischen Reiz weiterzuleiten oder nicht) weitgehend bekannt sind. Doch niemand kann bis heute Erklären, wie aus der Vielzahl weitergeleiteter Reize das Bewusstsein entsteht.
Das Kriterium der Komplexität ist hier, meiner Meinung nach, fehl am Platz, denn niemand vermag genau zu sagen, was komplexer ist: Das Bewusstsein als Ganzes oder die Fülle elektrischer Reize in unserem Nervensystem.
Ist die Bewusstseinsbildung also eine Reduktionsleistung oder nicht?
![]()
Die Eigenschaften eines Systems leiten sich nicht von der Summe der Eigenschaften seiner Komponente ab, sondern viel mehr von der Differenz, da einzelne Kräfte oftmals gegeneinander wirken, sich gegenseitig abschwächen oder neutralisieren. Das gehört zum Selbstregulationsprozess innerhalb eines Systems.
In der Neurobiologie kennt man elektrische Reize, die andere Reize auslöschen und z.B. schmerzlindernd wirken. Dasselbe Prinzip hat man sich in der Technik zunutze gemacht. Man baut Regelkreise, in denen der Regelstrom die Weiterleitung des elektrischen Stroms auf einer anderen Strecke verhindert.
In diesem Sinne kann man, denke ich, von einer Reduktion sprechen, da die Fülle der Eigenschaften der einzelnen Komponenten reduziert wird und erst dadurch wird überhaupt die Herausbildung der Eigenschaften einer höheren Ordnung möglich, die man Emergenz nennt.
Das heißt Emergenz ist die Folge der Reduktion.
An dieser Stelle ein wichtiger Hinweis: Das ist meine eigene Sicht der Dinge und in der Literatur werden die Begriffe Emergenz und Reduktion oftmals als zwei Gegensätze dargestellt, da die Emergenz typisch für die Sichtweise des Holismus ist und die Reduktion für den Reduktionismus steht, die nach wie vor als unvereibar gelten. Das heißt für die breite Front der akademischen Öffentlichkeit wird diese Behauptung absurd erscheinen. Allerdings hat die Popularität von Positionen, die einen Antireduktionismus (Holismus) mit einem Materialismus (Reduktionismus) kombinieren wollen, unter den Philosophen in den letzten Jahrzehnten enorm zugenommen.
Ich bin jedenfalls bereit und gewillt, dieses Thema weiter auszudiskutieren.
Hallo Michial,
du schreibst:
„niemand vermag genau sagen, was komplexer ist: Das Bewusstsein als Ganzes oder die Fülle elektrischer Reize in unserem Nervensystem. “
Beschränkst du damit das Bewußtsein auf eine Materielle ebene oder siehst du einen Dualismus?
Das unser Bewußtsein durch Elektro-Chemische Prozesse beeinflußt wird möchte ich garnicht bestreiten. Es kann aber nicht bewiesen werden das es nur daraus besteht!
Von: Stefan am Dezember 1, 2007
um 11:59
Lieber Stefan,
danke für deinen Kommentar! Was du schreibst, ist wahr! Ob das Bewusstsein eine Funktion der Materie ist oder aber eine eigenständige Entität, ist eine der Grundfragen der Philosophie, auf die es prinzipiell keine Antwort gibt. Viel mehr bin ich der Meinung, dass es prinzipiell keine Bedeutung hat, denn beides existiert, soviel ist sicher und man sollte diese Erkenntnis als Input für alle weiteren Überlegungen nutzen und sich nicht in Debatten verwickeln lassen, welchen Ursprung das Eine und welchen Ursprung das Andere hat. Als Liebhaber fernöstlicher Philosophie bin ich dazu geneigt, den Dualismus abzulehnen und denke, dass alle Erscheinungen in der Natur ein und denselben Ursprung haben. Das ist allerdings meine persönliche Meinung und man kann das sehen, wie man will. Es gibt hier kein Richtig oder Falsch…
Von: Michail Nikandrow am Dezember 1, 2007
um 2:02