Verfasst von: nikandrow | Dezember 9, 2007

Feedback

Vielen Dank an alle für die konstruktive Kritik der letzten Tage, die leider doch überwiegend offline stattfand. Dieser Blog wurde im Allgemeinen positiv aufgenommen, auch wenn einige sich beschwert haben, dass ich weder wissenschaftlich noch objektiv schreibe.  

Dabei war es nie mein Bestreben, objektiv zu sein. Vielmehr sehe ich die Welt vom Standpunkt des Radikalen Konstruktivismus aus. Das heißt, ich denke, dass jeder von uns seine subjektive Wirklichkeit eigenständig anhand von elektrischen Reizen im Nervensystem konstruiert und dass diese konstruierte Wirklichkeit prinzipiell nicht Abbild dessen sein kann, was wir uns unter Realität vorstellen und hängt ausschließlich vom Betrachter ab. Der Grund weshalb, wir trotzdem untereinander kommunizieren und uns in der Welt zurechtfinden können, liegt in der Kompatibilität unserer Wirklichkeitskonstruktionen. Das heißt diese Wirklichkeitskonstruktionen ähneln sich soweit, dass ein Austausch zwischen ihnen möglich ist. Die Schnittmenge unserer Wirklichkeitskonstruktionen ist das, was wir unter Kultur verstehen. Sie ist die Basis für soziale Interaktionen. 

Nun, was ich im Rahmen dieses Blogs schreibe, ist nichts weiter als ein kleiner Einblick in meine anhand von Informationen, die ich aus Gesprächen und Büchern täglich gewinne, konstruierte Welt. Nichts mehr und nichts weniger. Sie ist nicht objektiv. Sie ist weder richtig, noch falsch. Sie entsteht durch Kommunikation. Sie entwickelt sich dynamisch. Sie ist einem ständigen Fluß von Ereignissen unterworfen. Sie unterscheidet sich von anderen Gedankenwelten nur dadurch, dass ihr andere Ereignisse und andere Erkenntnisse zugrunde liegen.

Die Gedankenwelt jedes Einzelnen ist ein geschlossenes System, das auf bestimmten Annahmen und logischen Schlussfolgerungen basiert. In einer Gedankenwelt, die auf anderen Annahmen aufbaut, würde dieselbe Logik unter Umständen zu ganz anderen Ergebnissen führen. Es ist wie in der Mathematik. Wenn X=2Y ist und man statt Y eine 1 einsetzt, ist X=2. Wenn man dagegen eine 2 einsetzt, ist X=4. Dieselbe Logik führt zu unterschiedlichen Ergebnissen, sobald man eine andere Annahme trifft. Beide Ergebnisse sind richtig. Und so gibt es in der Philosophie auch kein richtig oder falsch. Jede Gedankenkonstruktion ist richtig. Die große Kunst liegt darin, die eigenen Gedankengänge für andere nachvollziehbar zu machen. 

Dieser Blog ist für mich insofern wichtig, dass ich auf diesem Wege meine Gedankengänge für andere nachvollziehbar machen kann und die Möglichkeit habe, Feedback zu erhalten und zu sehen, ob es mir gelingt oder nicht. Allerdings hält sich dieses Feedback bisher in Grenzen. 

Mittlerweile bin ich zu der Ansicht gelangt, dass ein Blog nicht unbedingt das richtige Medium ist, um eine öffentliche Diskussion gezielt anzuregen. Daher werde ich auch mit anderen Formaten experimentieren und nach Plattformen suchen, auf denen ein effektiverer Austausch möglich ist. Wer also mit mir über philosophische Themen diskutieren möchte, möge der XING-Gruppe Philosophie – wertvoller Grundstoff aller (Geschäfts-)Lagen beitreten. Dort findet man eine Vielzahl spannender Themen und spannender Menschen, mit denen man auch außerhalb des Forums in einen direkten Dialog treten kann…

Verfasst von: nikandrow | Dezember 2, 2007

Zufriedenheit

Genug der Metaphysik! Fassen wir die Überlegungen der letzten Tage zusammen, um zu sehen, welchen praktischen Nutzen wir daraus ziehen können. 

Also es gibt da ein gewisses Etwas, eine transzendente Entität, die nicht wahrgenommen werden kann und dennoch die Rahmenbedingungen für die natürliche Entwicklung des Universums als Ganzes und des Menschen im Speziellen stellt. Ein Beispiel für eine solche Rahmenbedingung ist die Existenz der sog. Raumzeit, in die unser Universum „eingebettet“ ist. Auf der Suche nach einer passenden Metapher für das Transzendente haben wir zwei Konzepte miteinander verglichen: Die westliche aus der jüdisch-christlichen Tradition hervorgegangene Vorstellung von Gott als Schöpfer und Lenker und das fernöstliche Konzept vom Dao als unpersonifizierte, unpersönliche Kraft, das oberste kosmische Prinzip, nach dem sich die Welt auf natürliche Art und Weise entwickelt. 

Durch die Personifizierung von Gott ergibt sich eine Reihe unangenehmer Nebenwirkungen, abgesehen davon, dass es von größtem Hochmut zeugt, dem Allmächtigen, dem höchsten Wesen lauter menschliche Eigenschaften zuzuschreiben. Normalerweise kommt hier das „Argument“, dass Gott uns nach seinem Vorbild erschaffen habe. Aber hat er dann nicht auch Bäume, Flüsse, Hunde und Kakerlaken erschaffen? Hat er sie nicht auch nach seinem Vorbild erschaffen? Warum geht keiner so weit, Gott mit einer Kakerlake zu vergleichen? Wenn überhaupt, dann sind alle Wesen und alle Dinge Abbilder eines bestimmten Teilaspekts von Gott. 

Elefant

An dieser Stelle kommt mir ein altes indisches Gleichnis in den Sinn: 

Drei Blinde treffen einen Elefanten. Der erste fasst sein Bein an und sagt, der Elefant sei ein Baum. Der andere fasst seinen Rüssel an und sagt, sein Vorgänger habe gelogen, der Elefant sei eine Schlange. Der Dritte fasst dann den Elefanten am Ohr und sagt, sie würden beide lügen, denn der Elefant sei weder ein Baum, noch eine Schlange, in Wirklichkeit sei er ein Lappen.  

Nun wer von diesen dreien hat jetzt gelogen? Keiner. Der Elefant lässt sich sowohl als Baum, als auch Schlange oder Lappen beschreiben, doch entzieht er sich in seiner Gesamtheit ihrem Wahrnehmungsvermögen. 

Das heißt, egal welche Eigenschaften man dem Transzendenten zuschreibt, man schafft es nicht, es in seiner Gesamtheit zu begreifen, weil es sich unserer Wahrnehmung entzieht. Das heißt auch, man sollte ihm so wenige Eigenschaften zuschreiben, wie nur möglich. Allein schon von diesem Standpunkt aus ist die Personifizierung des Transzendenten unsinnig, denn jede Beschreibung ist die Verneinung der Transzendenz und je genauer man das Transzendente definiert, desto weiter entfernt man sich von seinem eigentlichen Wesen. 

Und wenn man an einen personifizierten Gott glaubt, ist er nicht transzendent, sondern nur ein Teilaspekt, eine Erscheinungsform des Transzendenten, ein Wesen wie du und ich auch. Man kann an einen solchen Gott glauben, doch sollte man sich darüber im Klaren sein, dass die Existenz eines solchen Wesens zwar möglich ist, jedoch bislang nicht bewiesen werden konnte und mehr noch aus keiner logischen Überlegung heraus abgeleitet werden kann. Und da frage ich mich nach dem Sinn eines solchen Glaubens, das sich übrigens in keiner Form mehr vom Heidentum unterscheiden lässt, ja vielleicht sogar ärmer geworden ist, da die Vielzahl der Götter auf einen einzigen Gott reduziert wurde. 

Ganz abgesehen von all dem Leid, den die monotheistischen Religionen – allen voran das Christentum – in Form von Glaubenskriegen, Verfolgungen Andersdenkender und „Ungläubiger“, Hexenverbrennung, Inquisition etc. hervorgebracht haben. Nun wird man sagen, dass all das mit dem Glauben im Prinzip nichts zu tun hat und eher der politischen Instrumentalisierung der Religion zuzuschreiben ist. Schon möglich, doch Fakt bleibt Fakt, das sind unangenehme Nebenwirkungen des Monotheismus und für eine Religion wie Daoismus, die keinen personifizierten Gott und keinen missionarischen Eifer kennt, ist ein solches Verhalten fremd. 

Die Personifizierung bedeutet, dass Gott in der Vorstellung der Gläubigen ein „menschliches Gesicht“ bekommt. Emotionen kommen ins Spiel. Man neigt dazu eine starke Bindung auf der Gefühlsebene Gott gegenüber zu entwickeln, oft indem man Gefühle, die man als Kind für seine Eltern empfunden hatte, auf Gott projiziert. Gott wird zum Vaterersatz im Erwachsenenalter. Und das ist insofern gefährlich, dass es Nährboden für Gewalt und für religiösen Extremismus bietet.


Tao

Bemerkenswerte Konsequenzen ergeben sich dagegen aus der Nichtpersonifizierung des Dao auf der praktischen Ebene. Der Kult trägt im Daoismus einen rein subjektiven Charakter, denn das Dao verlangt keine Aufmerksamkeit in Form von Gebeten und Opfergaben und kein Gehorsam. Dao ist Freiheit. Freiheit von Ehrfurcht, Gehorsam und von religiösen Pflichten. 

Entsprechend ist die daoistische Ethik frei von Moralvorstellungen und konzentriert sich auf die wahre Tugend (). Die wahre Tugend ist der Zustand der Harmonie, des Einklangs mit dem Dao.   

Kapitel 38: 

Hohe Tugend ist nicht tugendbewusst,
darum ist sie wahre Tugend,
Niedere Tugend ist tugendbewusst,
darum ist sie nicht wahre Tugend

.……
…….
 

Verliert man Tao,
bleibt danach Tugend.
Verliert man die Tugend,
bleibt danach Menschlichkeit.
Verliert man die Menschlichkeit,
bleibt danach Gerechtigkeit.
Verliert man die Gerechtigkeit,
bleibt danach die Moral.

Die Moral
ist nur der äußere Schein von Treu und Glauben
und der Verwirrung Beginn.
  

Kapitel 18: 

Wird das große Tao aufgegeben,
erheben sich Menschlichkeit und Gerechtigkeit.
Tauchen Wissen und Klugheit auf,
gibt es die große Heuchelei.
 

Wenn die Familien nicht im Einklang leben,
zeigen sich Kindespflicht und Elternliebe.
Sind Land und Familien in Verwirrung,
gibt es die treuen Beamten.
  

Die wahre Tugend lässt sich am besten mit dem Ausdruck Zufriedenheit beschreiben. Nicht Zufriedenheit im Sinne von Glück, weil Glück ein extremes Gefühl ist und sich schnell zum Unglück wenden kann, sondern jene natürliche Zufriedenheit, die aus der Natürlichkeit des Handelns (Wu Wei) resultiert. Natürlichkeit des Handelns heißt, Gutes zu tun, nicht weil man es soll, sondern weil es der natürliche Gang der Dinge ist. Wer Gutes tut, ist zufrieden mit sich selbst und mit seiner Umgebung. Wer zufrieden ist, tut Gutes. Der Kreis schließt sich automatisch. 

Die Natürlichkeit des Handelns (Wu Wei) wird meistens wortwörtlich übersetzt als Nicht-Tun. Hinter dem chinesischen Begriff Wu Wei (無為) steht die Vorstellung, dass wenn man sich natürlich – dem Dao entsprechend – verhält, kann solches Verhalten nicht auf den Menschen, sondern direkt auf das Dao zurückgeführt werden. 

Schauen wir im Dao De Jing nach, wie Lao Tzu ein solches natürliches Verhalten (Nicht-Tun) beschreibt. 

Kapitel 2: 

Darum der Weise:
Er beharrt im Tun des Nicht-Tun
und lebt die wortlose Lehre.
Die abertausend Wesen treten hervor,
und er weicht nicht davon ab.
Er erzeugt und besitzt nicht.
Er wirkt und hängt nicht daran.
Ist das Werk getan, verweilt er
nicht dabei.
 

Eben, weil er nicht verweilt,
ist nichts, das ihm entgeht. 
  

Eine ähnliche Beschreibung findet sich in Bezug auf die wahre Tugend, die das natürliche Verhalten erzeugt und gleichzeitig aus ihm hervorgeht. 

Kapitel 10: 

Erzeugen, doch nicht besitzen,
wirken, doch nicht daran hängen,
behüten, doch nicht beherrschen,
das ist die verborgene wahre Tugend.
  

Doch wie sieht dieses natürliche Verhalten in der Praxis aus?  

Im Dao De Jing findet man an vielen Stellen die Beschreibung des Weisen, der im Einklang mit dem Dao lebt, also die wahre Tugend besitzt und natürliches Verhalten an den Tag legt. Schauen wir uns einige Beispiele an.  

Kapitel 33: 

Wer andere kennt, ist klug,
wer sich selbst kennt ist weise.
Wer andere bezwingt, ist stark,
wer sich selbst bezwingt, ist unbezwingbar.
Wer sich durchsetzt, hat Willensstärke,
wer sich begnügt, ist reich.
 

Wer nicht seinen Platz verliert, hat Dauer,
wer auch im Tode nicht vergeht, lebt ewig.
  

Kapitel 24: 

Wer auf Zehenspitzen steht,
steht nicht fest.
Wer die Beine spreizt,
kommt nicht voran.
Wer sich zur Schau stellt,
der leuchtet nicht.
Wer sich selbst gefällt,
ist nicht schön.
Wer sich selbst rühmt,
hat kein Verdienst.
Wer sich selbst erhebt,
ragt nicht hervor.
 

Kapitel 49: 

Der Weise hat kein verschlossenes Herz,
die Herzen der Menschen
sind ihm sein eigenes Herz.
 

Kapitel 27: 

Darum der Weise:
weiß stets die Menschen gut zu bewahren,
weil er keinen Menschen verwirft.
 

Kapitel 17, 23: 

Wer nicht genug vertraut,
dem vertraut man nicht.
 

Kapitel 28: 

Kenne die Hoheit, bewahre die Demut,
so wirst du zum Tal der Welt.
Bist du das Tal der Welt,
hast du der wahren Tugend Fülle
und kehrst wieder heim zur Einfalt.
 

Kapitel 46: 

Wer sich am Genügenden zu genügen weiß,
wird stehts genug haben.
 

Kapitel 39: 

Wer allzu sehr auf Ehre schaut,
bleibt ohne Ehre.
 

Wünsche nicht wie ein Juwel zu glänzen,
sei roh und rau so wie das Felsgestein.
 

Kapitel 71: 

Darum der Weise:
Er trägt ein unscheinbares Gewand
und birgt das Juwel in der Brust.
  

Selbstreflektion, Willensstärke, Offenheit, Vertrauen, Genügsamkeit und Bescheidenheit sind - sofern man Lao Tzu Glauben schenkt - Eigenschaften des Weisen und gehen somit aus seiner Zufriedenheit hervor. Aber es bedeutet gleichzeitig auch, dass man den Zustand der Zufriedenheit erreichen kann, indem man eben diese Eigenschaften bei sich kultiviert. 

Kapitel 81: 

Der Weise häuft keinen Besitz an,
je mehr er für die Menschen tut,
desto mehr besitzt er,
je mehr er den Menschen gibt,
desto mehr empfängt er.
 

Der Weise, der im Einklang mit dem Dao lebt und zufrieden ist, legt natürliches (tugendhaftes) Verhalten an den Tag, welches eine positive Reaktion seitens der Gesellschaft hervorruft und seine Zufriedenheit stärkt.  

Zufriedenheit bewirkt Zufriedenheit. Der Kreis schließt sich…

Verfasst von: nikandrow | November 28, 2007

Weg ist das Ziel

Das Leben ist eine Reihe von Begegnungen. Einige Begegnungen vergisst man bald wieder, andere wiederum haben das Potential, unser späteres Leben zu beeinflussen und prägen unser Weltbild, unser Wertesystem und unser Verhalten.

Die wohl allererste Begegnung, die man im Leben macht, ist die Begegnung mit den Eltern, danach folgen andere Familienmitglieder – Geschwister, Großeltern, Tanten, Onkels, Cousins und Cousinen… Später lernt man Gleichaltrige kennen – in der Sandkiste, im Kindergarten, in der Schule – und mit ihnen neue Autoritäten – Lehrer, Erzieher, Pädagogen… Hinzu kommen mediale Begegnungen mit den Schauspielern, Sängern, Moderatoren… Sie alle haben das Zeug dazu, uns ihren Stempel aufzudrücken. Die wenigsten schaffen es, aufgrund der großen Zahl potentieller Heilsbringer, Vorbilder und Idole… Konkurrenz belebt das Geschäft!

Die Begegnung, die mich wohl am meisten geprägt hat in meinem Leben, war die Begegnung mit einem Buch. „Das Tao ist Stille“ ist das Werk des amerikanischen Mathematikers Raymond Smullyan und war für mich zwar nicht die erste Begegnung mit der faszinierenden Welt der antiken chinesischen Philosophie, jedoch das Buch, was mir den Einstieg in den Daoismus ermöglichte, da der Autor – ein moderner westlicher Mensch – es verstanden hat, den Daoismus mit viel Liebe und Humor auch für uns, in der westlichen Kultur verankerte Menschen, nicht nur verständlich, sondern auch schmackhaft zu machen. 

Aber was ist denn dieses Dao, von dem Smullyan schreibt? 

Dao De Jing – das Werk des legendären Begründers des Daoismus Lao Tzu (老子) – beginnt mit den schwer verständlichen Zeilen: 

Das aussagbare Tao
ist nicht das ewige Tao.
Der nennbare Name
Ist nicht der ewige Name.
 

Das Namenlose ist der Anfang von Himmel und Erde.
Das Namen-Habende ist die Mutter der abertausend Wesen.
 

(Übersetzung des Zen-Meisters Wolfgang Kopp)  

Nun wie sollen wir das verstehen? Nehmen wir die Erläuterungen von Dr. Hilmar Klaus zur Hilfe. Er gibt den Sinn der ersten beiden Strophen des Dao De Jing auf seiner Website www.tao-te-king.org folgendermaßen wieder: 

Ein Dào, das man erklären könnte, wäre nicht das zeitlose Dào. Begriffe, die man begreifen kann, sind keine zeitlosen Begriffe. Unbegreiflich ist der Anfang der Welt, begreiflich nur als der abertausend Dinge Ursprung. 

Mit diesen Erläuterungen geht die Vorstellung vom Dao als Sinnbild des Transzendenten einher, das unbeschreiblich, unbegreiflich und zeitlos ist. Also von alledem, was sich unseren Sinnen und unserem Verstand entzieht.   

Dao als Sinnbild des Transzendenten ergibt sich unmittelbar aus der Tatsache, dass das Universum in all seiner Komplexität, in der Fülle seiner Erscheinungsformen nicht wahrgenommen werden kann, weder direkt mithilfe unserer Sinnesorgane, noch durch Verwendung technischer Hilfsmittel. Das ist ein Fakt (Woher kommen sonst die Lücken in der Wissenschaft, viele von denen nach wie vor nicht geschlossen werden konnten oder im Gegenteil neu hinzugekommen sind?) und Dao ist lediglich die Bezeichnung all dieser Phänomene, die sich unserer Wahrnehmung entziehen und dennoch die Rahmenbedingungen für die empirisch erlebbare Welt bilden. 

Ein leuchtendes Beispiel für ein solches Phänomen ist die Existenz so genannter Dunkler Materie, die zwar nicht direkt beobachtbar ist, da sie keine elektromagnetische Strahlung aussendet oder absorbiert, dennoch mit sichtbarer Materie durch Gravitation interagiert und im Rahmen anerkannter Theorien und Modelle zu richtigen Rechenergebnissen führt. 

Albert Einstein 

Ein weiteres Beispiel ist die Vorstellung von einer mehrdimensionalen Raumzeit, wie sie von der modernen Physik vertreten wird. Die Raumzeit ist ein abstrakter Begriff, eine Entität, deren Eigenschaften zwar ansatzweise (in bestimmten Situationen) mathematisch beschrieben werden können, die jedoch nicht direkt erlebbar ist. Albert Einstein schreibt der Raumzeit die Eigenschaft sich durch Masse krümmen zu lassen zu. Stephen Hawking beschreibt in seiner quantenmechanischen Interpretation der Schwarzen Löcher die Fähigkeit von Elektronen und Positronen paarweise aus dem Vakuum, also direkt aus dem Raumzeitkontinuum heraus zu entstehen. Dieses Phänomen wird unter den Wissenschaftlern unter dem Begriff „Hawking-Strahlung“ zusammengefasst. Ferner dient die Raumzeit offenbar als Medium für die Verbreitung elektromagnetischer Wellen im Vakuum, bzw. im interstellaren Raum. 

Man sieht anhand dieser Beispiele, dass es offenbar Etwas gibt, was sich weder beschreiben, noch direkt erleben lässt und dennoch das Universum zusammenhält und seine Existenz ermöglicht, ewig ist – weil jenseits der Zeitrechnung, denn die Zeit ist nur ein Aspekt von ihm – und allgegenwärtig.

Solche Phänomene lassen sich mit dem Wort Dao beschreiben, sie sind aber nicht das Dao.  

Spätestens seit der Sprachkritischen Wende in Philosophie und Wissenschaft, die unter ihrer englischen Bezeichnung Linguistic Turn einem breiten Publikum bekannt ist, kann man sagen, dass die Vorstellung des „Dinges an sich“ – diesen Begriff führte der deutsche Philosoph Immanuel Kant in seinem Werk „Kritik der reinen Vernunft“ in Anlehnung an die antiken Begriffe kath’auto (gr.) und per se (lat.) ein – überholt ist. Heutzutage glauben die Wenigsten daran, dass es das Gute an sich, das Schöne an sich oder das Rote an sich gibt. Dennoch lassen sich bestimmte Dinge mit den Adjektiven gut, schön und rot in Abhängigkeit vom Standpunkt des Betrachters beschreiben. Wer mir nicht glaubt, dass es kein allgemeingültiges Rot gibt, möge ein kleines Experiment durchführen: Man nehme eine Blaue Lampe und stelle sie in die Abstellkammer. Danach nehme man einen roten Ball, schließe sich in der Abstellkammer ein und mache die Lampe an. Welche Farbe hat denn nun der Ball? Und was ist Rot überhaupt? Genauso verhält es sich mit dem Dao. Man kann die Raumzeit mit dem Wort Dao beschreiben, als ein gewisses unbegreifliches, unerlebbares Etwas, was die Weltordnung grundlegend bestimmt, aber eine Aussage wie „Raumzeit ist Dao“ oder gar „Dao ist Raumzeit“ zu treffen ist vom Prinzip her falsch.

Creation small 

Nun stellt sich für einen westlich geprägten, im christlichen Kulturkreis aufgewachsenen Menschen früher oder später die Frage: Wie verhält es sich denn mit Dao und Gott? Wie lassen sich diese beiden Begrifflichkeiten auf einen Nenner bringen? 

An dieser Stelle gibt es zwei mögliche Herangehensweisen, sofern man an Gott glaubt. Der Glaube kann naiver oder metaphorischer Natur sein. Der naive Glaube basiert auf Wunschvorstellungen. Gott im Sinne des guten aber strengen Himmelsvaters dient als Ersatz der fehlenden Autorität der Eltern im Erwachsenenalter. Hier findet allmählich der Übergang des Über-Ichs von der realen Instanz der Eltern auf die imaginäre höhere Instanz Gott. Derjenige, der dem naiven Glauben verfallen ist, neigt dazu, die Bibel mit all ihren Wundern und Widersprüchen wortwörtlich zu nehmen. Er versteht Gott als ein allmächtiges Wesen, als ein Individuum, das das Schicksal des Menschen und des Universums fest in seiner Hand hält und allumfassende Liebe für seine Schöpfung hegt. Wenn man einen Menschen fragt, der an Gott auf diese naive Art und Weise glaubt, wie denn der allmächtige liebende Himmelsvater das Leiden und das Böse in der Welt dulden kann, wird meistens auf die menschliche Willensfreiheit verwiesen. Eine eindeutige Lösung für dieses Theodizee-Problem gibt es nicht. Wenn wir uns dem Theodizee-Problem vom Standpunkt des Daoismus aus nähern, müssen wir zunächst eine der grundlegenden Eigenschaften von Gott negieren: Entweder ist Gott nicht unendlich gut oder nicht allmächtig.   Hier möchte ich ein interessantes Paradoxon aufführen, das ich zum ersten Mal übrigens bei Smullyan gefunden habe, nämlich folgende Frage: „Kann der allmächtige Gott einen Stein schaffen, den er selbst nicht im Stande zu heben ist?“ Auf diese Frage gibt es keine Antwort, denn entweder kann Gott einen solchen Stein nicht schaffen und ist allein deswegen schon nicht allmächtig, oder er schafft einen solchen Stein und ist nicht allmächtig, weil er ihn hinterher nicht heben kann.  Die Existenz eines solchen „unvollkommenen“ Gottes ist durchaus mit dem Dao vereinbar. In diesem Falle wäre Gott nichts anderes als eines der „abertausend Wesen“, die das Dao hervorgebracht hat. Also eine Erscheinungsform des Dao, im Prinzip gleichberechtigt mit den zahlreichen Gottheiten und Geistern, die in China von den Daoisten verehrt werden oder mit den Göttern und Geistern des Shintō. 

Cosmic Eye 

Der metaphorische Glaube geht allerdings viel tiefer. Man löst sich von all den Äußerlichkeiten der Heiligen Schrift und sucht im Verborgenen nach dem tieferen Sinn. Man kann Gott als eine Metapher verstehen, die das Prinzip des Bewusstseins wiedergibt. Und hier hat man zwei grundsätzlich verschiedene Möglichkeiten, je nachdem wie man das Bewusstsein definiert. Begreift man das Bewusstsein als eine Funktion der Materie, die wiederum aus dem Dao hervorgeht, sieht man, dass das Bewusstsein – und somit auch Gott – eine Entität dritter Ordnung ist: Dao bringt Materie hervor, Materie bringt das Bewusstsein hervor. Stellt dagegen das Bewusstsein eine Art Gegenentwurf zur Materie dar,  so entspringt es dem Dao direkt und ist eine Entität zweiter Ordnung. Gott wäre somit eines der Hauptbestandteile der Natur und ebenfalls eine Erscheinungsform des Dao.  Man muss aber nicht unbedingt Gott mit dem Bewusstsein gleichsetzen. Man kann auch versuchen, Belege dafür zu finden, dass es sich bei Dao und Gott um ein und dasselbe Prinzip handelt, indem man nach Gemeinsamkeiten in den Beschreibungen sucht.  

Es gibt im Wesentlichen acht Kriterien, anhand welcher man Gott „identifizieren“ kann: Allmächtigkeit, Allwissenheit, Allgegenwärtigkeit, Zeitlosigkeit, Liebe, Güte, Gerechtigkeit und Schöpfertum.  

Wie sieht denn das im Falle des Dao aus?  

Ziehen wir doch wieder mal Dao De Jing zur Hilfe, um zu schauen, mit welchen Begriffen das Unbeschreibliche beschrieben wird.  

Neben den bereits erwähnten Eigenschaften, die sich gleich im ersten Kapitel wieder finden – Nichtaussagbarkeit, Nichtnennbarkeit, Namenlosigkeit – findet man weitere interessante Details.  

Kapitel 14: 

Man schaut nach ihm und sieht es nicht,
man nennt es: unsichtbar.
Man horcht nach ihm und hört es nicht,
man nennt es: unhörbar.
Man greift nach ihm und fasst es nicht,
man nennt es: unfassbar.
 

Diese drei, man kann sie nicht fragend erforschen,
ineinander wirken sie als eines.
Sein Oben ist nicht hell,
sein Unten ist nicht dunkel.
Endlos, unaufhörlich,
nicht kann man es benennen.
 

Zunächst ist das eine Präzisierung dessen, was man bereits im ersten Kapitel erfährt: Dao entzieht sich unseren Sinnen (unsichtbar, unhörbar, unfassbar) und unserem Verstand (man kann es nicht fragend erforschen). Es ist endlos, ewig und man kann es nicht benennen. Diese Eigenschaften findet man auch in der westlichen Vorstellung von Gott: Zeitlosigkeit, Allgegenwärtigkeit.  

Mit dem Namen ist es schon etwas schwieriger. Zwar hat Gott in der jüdisch-christlichen Tradition einen Namen – JHWH (‏יהוה‎) – dennoch soll er nicht bei diesem Namen genannt werden, sondern man benutzt Umschreibungen und nennt ihn Elohim (‏אלהים‎) oder HERR.  

Zitat: „Du sollst den Namen des HERRN, deines Gottes, nicht missbrauchen; denn der HERR lässt den nicht ungestraft, der seinen Namen missbraucht.“ [Exodus 20,7]

Das ist ein Hinweis darauf, dass das Kriterium der Namenlosigkeit auch in den westlichen Religionen ursprünglich eine wichtige Rolle gespielt hatte. Allerdings steht die Bezeichnung HERR im krassen Gegensatz zu der daoistischen Sicht der Dinge.

Im Kapitel 34 des Dao De Jing steht  Folgendes:

Alldurchströmend ist das Tao,
in jeder Richtung gegenwärtig.

Die abertausend Wesen verdanken ihm ihr Leben,
und es entzieht sich ihnen nicht.
Es vollendet sein Werk
und nennt es nicht sein eigen.

Es kleidet und nährt die abertausend Wesen
und macht sich nicht zum Herrn.
Weil ewig nicht begehrend,
kann man es als klein bezeichnen.

Die abertausend Wesen wenden sich ihm zu,
und es macht sich nicht zum Herrn,
so kann man es als groß bezeichnen.

Schauen wir uns zwei weitere Kapitel an. 

Kapitel 21: 

Das Wesen des Tao:
Unfasslich, unbegreiflich.
 

Unfasslich, unbegreiflich,
es birgt in sich die Bilder.
Unfasslich, unbegreiflich,
es birgt in sich die Wesen.
Dunkel, unergründlich,
es birgt in sich die Lebenskraft.
 

Die Lebenskraft ist Wirklichkeit,
Ihr Inneres höchste Gewissheit.
 

Von Anbeginn bis heute
vergeht sein Name nicht,
es bewirkt den Anfang aller Dinge.
  

Kapitel 25: 

Ein Wesen gibt es, unfassbar, vollkommen.
Es war schon vor Himmel und Erde da,
so still, so gestaltlos.
Allein beharrt es, unwandelbar,
alles durchdringend ohne Gefahr.
Man kann es die Mutter des Weltalls nennen.
 

Seinen Namen kenne ich nicht,
ich nenne es: Tao.  
 

Im Prinzip findet man überall dieselben Begriffe, die sich auch auf Gott problemlos übertragen lassen. Ein interessanter Sonderfall ist die poetische Umschreibung Mutter des Weltalls. Während Gott in der westlichen Tradition als Himmelsvater dargestellt wird, spricht man im Daoismus von der ewigen Mutter. 

Kapitel 6: 

Der Geist des Tales ist unsterblich:
er heißt das dunkle Weibliche.
 

Des dunklen Weiblichen Pforte,
sie ist des Himmels und der Erde Wurzel.
 

Man sollte allerdings nicht den Fehler begehen und denken, dass durch die Bezeichnungen Mutter oder das dunkle Weibliche auf das Dao menschliche Eigenschaften übertragen werden. Das Dao ist weder männlich noch weiblich, doch hat Lao Tzu gemeint, dass es sich eher mit dem Wort weiblich als mit dem Wort männlich beschreiben ließe.  

Dao wird nicht personifiziert, Gott dagegen schon und eben in dieser Personifizierung liegt der gravierende unterschied zwischen dem daoistischen und dem westlichen Denken. Während die grundlegenden Eigenschaften des Transzendenten – Allmächtigkeit, Allgegenwärtigkeit, Zeitlosigkeit und Schöpfertum – sich sowohl bei Dao als auch bei Gott wieder finden, wird die Anwendung der Kategorien Liebe, Güte, Gerechtigkeit und Allwissenheit auf Gott erst durch diese Personifizierung möglich. Auch wenn man in daoistischen Schriften hin und wieder Begriffe findet, die mit Liebe oder mit Güte übersetzt werden, auch wenn man den Zustand der Harmonie mit dem Dao als Tugend bezeichnet, entsprechen sie in keiner Weise dem, was man sich im Westen unter diesen Begriffen vorstellt und sie sollten eher mit dem Wort Natürlichkeit übersetzt werden. 

Der wesentliche Unterschied liegt also nicht in den Kategorien, anhand welcher man versucht Dao und Gott zu beschreiben, sondern  in der Personifizierung Gottes, die vermutlich aus dem Wunsch heraus entstanden ist, Gott den Unwissenden und Ungebildeten zu erklären. Es war für die Masse viel einfacher, sich einen Gott vorzustellen, auf den nicht nur menschliche Eigenschaften und Kategorien in ihrer extremen Form (allumfassende Liebe, unendliche Güte, absolute Gerechtigkeit) projiziert wurden, sondern auch Wünsche (Unsterblichkeit, Allmächtigkeit) und Ängste (ein Bild von Gott als vom strafenden Vater). 

Diese Übertragung der menschlichen Aspekte auf Gott, die übrigens auch für das Heidentum typisch ist, findet im Daoismus nicht statt. Das liegt wohl daran, dass Daoisten keine Notwendigkeit darin sehen, ihren Glauben mit anderen zu teilen und schon gar nicht, ihn jemandem aufzuzwingen. Der Geist der Missionierung ist dem Daoismus fremd.  

Zitat: „Um jeden Preis mussten die Christen Heiden und Atheisten von der Existenz Gottes überzeugen, um deren Seelen zu retten. Um jeden Preis mussten die Atheisten den Christen beweisen, dass ihr Glaube an Gott lediglich eine kindische und primitive Einbildung war, die der Sache des eigentlichen gesellschaftlichen Fortschritts ungeheuren Schaden zufügte. Also kämpften sie und rannten und schossen sich gegenseitig über den Haufen. Währenddessen sitzt der taoistische Weise ruhig an einem Fluss, hat vielleicht einen Gedichtband, Wein und sein Malzeug bei sich und genießt frohen Herzens das Tao, ohne sich je darum zu sorgen, ob es existiert oder nicht. Der Weise muss seine Kraft nicht auf das Tao verwenden; er ist vollauf damit beschäftigt, es zu genießen.“ [Raymond Smullyan in „Das Tao ist Stille“]

Verfasst von: nikandrow | November 23, 2007

Gott und die Welt

Bisher bei der Frage nach dem Ursprung der Emergenz habe ich einen wichtigen Aspekt der Reduktion außen vor gelassen. Eine grundlegende Funktion jedes Systems ist die Reduktion der Umweltkomplexität. Das heißt die Reduktion findet sowohl innen, als auch außen statt.   

Man kann sagen, dass die Emergenz dann entsteht, wenn zwei Arten von Komplexitäten aufeinander treffen: innere und äußere. Es wird eine Reduktionsleistung erbracht. Beide Komplexitäten werden von dem System reduziert. Infolge dessen entwickeln sich die emergenten Eigenschaften des Systems. 

Es gibt eine Frage, die die Menschheit seit Jahrtausenden beschäftigt. Die Frage nach der Existenz Gottes. Viele Gelehrten haben versucht, einen Gottesbeweis zu erbringen. Jeder ist bisher gescheitert. Ich halte es prinzipiell für unmöglich – zumindest vom Stand des heutigen Wissens ausgehend – weder die Existenz, noch die Nichtexistenz Gottes zu beweisen. Dennoch versuche ich hin und wieder verschiedene philosophische Ideen und Konzepte auf Gott anzuwenden, um zu sehen, wie sie im Extremfall funktionieren.

Es kann hier prinzipiell keine Antwort geben, kein Richtig oder Falsch, aber man kann eine gewisse Zeit damit verbringen, das eine oder das andere Rätsel zu lösen. Es ist wie eine Gleichung mit mehreren Unbekannten: Man kann eine Variable nach der anderen beliebig variieren und schauen, was dabei herauskommt. Zwar haben uns damals die Mathelehrer immer versucht beizubringen, dass man keine Gleichung auf diese Art lösen sollte, weil es einfach zu lange dauert, doch ist man hin und wieder auf interessante nichttriviale Lösungen gestoßen, die zwar auch richtig waren, aber anders. Und das schärft den Geist und fördert die Phantasie. 

Gott

Wenden wir also das Prinzip der Emergenz, die beim Aufeinanderprallen zweier Komplexitäten durch deren Reduktion entsteht, auf das höchste anzunehmende System, auf das Universum an. Man kann davon ausgehen, dass das Universum keine emergenten Eigenschaften besitzt, da es keine Umwelt hat und lediglich die Vorgänge in seinem Inneren reduzieren kann, was nach dem o.g. Prinzip nicht ausreicht, um emergente Eigenschaften zu entwickeln. Ein Beispiel für solche emergenten Eigenschaften wäre die Existenz eines kosmischen Bewusstseins, also die Existenz von Gott.  

Das heißt keine Umwelt – kein Gott!  

Man könnte jedoch annehmen, dass ein Universum ohne Umwelt und ohne Gott auf einmal aus sich selbst heraus eine Umwelt erschafft (und wir uns in dieser Umwelt, d.h. außerhalb des ursprünglichen Universums befinden). In diesem Schöpfungsakt wird das ursprüngliche Universum zum Gott. Das heißt mit anderen Worten, Gott wird erst in dem Moment zum Gott, wo er in einen Schöpfungsakt verwickelt ist. 

Das führt die Dogmatik der Kirche ad absurdum, die davon ausgeht, dass Gott ewig existierte, noch bevor er die Welt erschuf. Vielleicht existierte er ewig, aber bevor er die Welt erschuf, war er noch lange kein Gott, denn in dem Moment, wo Gott die Welt erschuf, erschuf er auch sich selbst.

Verfasst von: nikandrow | November 22, 2007

Emergenz und Reduktion

Um meine These von Emergenz als Folge der Reduktion zu untermauern möchte ich an dieser Stelle einige Beispiele aufführen. Die ersten zwei kommen aus den Bereichen Physik und Biologie, während das Dritte auf die Chaostheorie zurück geht.

In der Physik beschreibt man oft komplexe Systeme als Ganzes unter Ausblendung einzelner Bestandteile. Man reduziert das System jeweils auf einige wenige Eigenschaften, die je nach Objekt der Forschung, sowohl emergent, als auch nicht emergent sein können. Wenn man z.B. die Umlaufbahn der Erde beschreibt, klammert man die Bewegungen einzelner Moleküle innerhalb dieses Systems aus, weil sie für sich allein genommen keinen Einfluss auf die Umlaufbahn des Planeten haben und nur in ihrer Gesamtheit als Planet eine andere Bedeutung bekommen.

Es wird allerdings sofort der Einwand kommen, dass ein so einfacher Prozess, wie die Bewegung der Erde um die Sonne, gar keine Emergenz voraussetzt. Die Umlaufbahn wird im Wesentlichen durch die Gravitation bestimmt, die wiederum auf die Masse zurückgeht und bei der Masse kann man wirklich nicht von Emergenz sprechen, weil diese unmittelbar auf die Masse der Bestandteile also der einzelnen Teilchen, aus denen unser Planet besteht, zurückzuführen ist.

Leben

Wenn man sich aber etwas viel kompliziertes vor Augen führt, beispielsweise die Entstehung des Lebens, kommt man um die Emergenz nicht herum. Damals vor ca. 3 Mrd. Jahren herrschten auf unserem Planeten bestimmte klimatische Bedingungen, die auf Grund der chemischen Zusammensetzung des Planeten die Entstehung erster organischer Verbindungen ermöglichten und später zu der Entstehung erster Lebewesen und folglich der Evolution führten.

Die Evolutionstheorie beschreibt den späteren Verlauf der Evolution und klammert die atomaren Prozesse aus, die zwar von Anfang an in allen Lebewesen statt gefunden haben, dennoch für den Verlauf der Evolution an sich ohne Belang sind, da diese eine emergente Eigenschaft des Systems Biosphäre ist.

Das bedeutet, dass das System Biosphäre, das einer Evolution unterliegt, zahlreiche Eigenschaften seiner Bestandteile reduziert. Das bedeutet allerdings nicht, dass es sich von ihnen komplett abkoppeln lässt, denn das wäre ein Fall sog. starker Emergenz und diese wurde von der Wissenschaft bislang in keinem einzigen Fall nachgewiesen.

Zitat: „Während in den letzten Jahren durch Computermodelle viele Emergenzen als schwach identifiziert werden konnten (Beispielsweise die Evolution oder das Verhalten von Schwärmen), sind keine starken Emergenzen bekannt, die sich der Reduktion widersetzen.“ [Quelle]

Mandelbrot

Wie sieht aber die These von der Reduktion als Ursprung der Emergenz vom Standpunkt der Chaostheorie aus?

Wenn man eine Struktur anschaut, die ein autopoietisches System aus sich selbst heraus gebildet hat, erkennt man, dass das gesamte System im Prinzip einer Vergrößerung der Struktur eines beliebig kleinen Bestandteils seiner selbst darstellt. Das berühmteste Beispiel ist die sog. Mandelbrot-Menge.

Wenn das Ganze aber die vergrößerte Kopie eines beliebigen Teilabschnitts ist, trägt es in seiner Gesamtheit die Information in sich, wie die Struktur eines jeden Teilabschnittes beschaffen ist. Da das Ganze aus einer Vielzahl solcher Teilabschnitte besteht, wird womöglich durch eine Information die Struktur abertausender Komponenten beschrieben. Hier liegt die Reduktionsleistung des Systems vor.

Verfasst von: nikandrow | November 22, 2007

Bewusstseinsbildung

Mir ist aufgefallen, dass ich im vorigen Posting das Wort Emergenz falsch benutzt habe. Emergenz ist nichts anderes als die Tatsache, dass ein System Eigenschaften entwickelt, die nicht auf die Eigenschaften der einzelnen Komponenten exakt zurückzuführen sind. Ein Beispiel dafür ist die Bewusstseinsbildung. Der kognitive Apparat des Menschen besteht bekanntlich aus einer Vielzahl vernetzter Neuronen, deren Eigenschaften (nämlich einen elektrischen Reiz weiterzuleiten oder nicht) weitgehend bekannt sind. Doch niemand kann bis heute Erklären, wie aus der Vielzahl weitergeleiteter Reize das Bewusstsein entsteht. 

Das Kriterium der Komplexität ist hier, meiner Meinung nach, fehl am Platz, denn niemand vermag genau zu sagen, was komplexer ist: Das Bewusstsein als Ganzes oder die Fülle elektrischer Reize in unserem Nervensystem.  

Ist die Bewusstseinsbildung also eine Reduktionsleistung oder nicht?

Rodin

Die Eigenschaften eines Systems leiten sich nicht von der Summe der Eigenschaften seiner Komponente ab, sondern viel mehr von der Differenz, da einzelne Kräfte oftmals gegeneinander wirken, sich gegenseitig abschwächen oder neutralisieren. Das gehört zum Selbstregulationsprozess innerhalb eines Systems. 

In der Neurobiologie kennt man elektrische Reize, die andere Reize auslöschen und z.B. schmerzlindernd wirken. Dasselbe Prinzip hat man sich in der Technik zunutze gemacht. Man baut Regelkreise, in denen der Regelstrom die Weiterleitung des elektrischen Stroms auf einer anderen Strecke verhindert. 

In diesem Sinne kann man, denke ich, von einer Reduktion sprechen, da die Fülle der Eigenschaften der einzelnen Komponenten reduziert wird und erst dadurch wird überhaupt die Herausbildung der Eigenschaften einer höheren Ordnung möglich, die man Emergenz nennt. 

Das heißt Emergenz ist die Folge der Reduktion. 

An dieser Stelle ein wichtiger Hinweis: Das ist meine eigene Sicht der Dinge und in der Literatur werden die Begriffe Emergenz und Reduktion oftmals als zwei Gegensätze dargestellt, da die Emergenz typisch für die Sichtweise des Holismus ist und die Reduktion für den Reduktionismus steht, die nach wie vor als unvereibar gelten. Das heißt für die breite Front der akademischen Öffentlichkeit wird diese Behauptung absurd erscheinen. Allerdings hat die Popularität von Positionen, die einen Antireduktionismus (Holismus) mit einem Materialismus (Reduktionismus) kombinieren wollen, unter den Philosophen in den letzten Jahrzehnten enorm zugenommen.

Ich bin jedenfalls bereit und gewillt, dieses Thema weiter auszudiskutieren.

Verfasst von: nikandrow | November 20, 2007

Stream of Consciousness

Ich finde es langweilig, über Sachen zu schreiben, die man weiß. Es ist viel spannender über Sachen zu schreiben, die man gerade erfährt. 

Wie passt das Wissen aus den unterschiedlichsten Bereichen der System- und Kommunikationstheorie, Philosophie und Wissenschaft zusammen und welche Impulse liefert es für unseren Beruf, für unser alltägliches Leben?  

Dieser Blog ist, wenn man so will, mein privates Experiment, um genau auf diese Frage die Antwort zu finden.

 Genesis 

Als ich das erste Mal mit der Systemtheorie in Berührung kam, war ich so begeistert, dass ich meinte, die absolute Universaltheorie gefunden zu haben, die Gott und die Welt erklären kann. Doch schon bald stieß ich auf die üblichen Grenzen, nämlich auf die Frage nach dem Wesen des Universums und dessen, was jenseits liegt. 

Wenn man das Universum im Rahmen der Systemtheorie betrachten möchte, muss es auch ein Nicht-Universum geben, was außerhalb existiert und die Umwelt dieses Systems darstellt, denn die System-Umwelt-Differenz ist ein wesentlicher Aspekt bei der Betrachtung von Systemen im Allgemeinen. Mit der klassischen Vorstellung, dass Etwas (Universum) mitten im Nichts existiert, kommt man hier allerdings nicht weiter, da die wesentliche Funktion eines Systems die Reduktion der Komplexität seiner Umwelt ist und es kann wohl kaum die Rede sein davon, dass das Universum weniger Komplex ist als das Nichts, denn das Nichts an sich ist die Abwesenheit jeglicher Komplexität, ihr Gegenteil, das Nichts eben.  

An diesem Punkt bleibt einem allerdings nichts weiter übrig als, entweder den Versuch aufzugeben, das Universum systemtheoretisch zu beschreiben, oder anzunehmen, dass es nach innen gewandt ist, dass seine Umwelt sich in seinem Inneren befindet, dass es als Ganzes weniger komplex ist als die Summe seiner Teile und die Komplexität, die in seinem Inneren vorherrscht reduziert. Es wäre quasi ein Fall umgekehrter, negativer Emergenz (Anti-Emergenz).  

Was denkt Ihr darüber? 

Ich gebe zu, es ist sehr abstrakt und noch sehr weit von jeglicher praktischen Relevanz entfernt, aber ich verspreche, dass im Laufe dieses Projekts aus jeder, noch so abstrakten These, Schlussfolgerungen und Entscheidungshilfen für den Alltag gewonnen werden, vorausgesetzt Ihr diskutiert mit!

Verfasst von: nikandrow | November 10, 2007

Was erwartet die Leser dieses Blogs?

Was erwartet also die Leser dieses Blogs? Ich möchte im Rahmen dieses Projekts mit euch Ideen diskutieren aus den Bereichen Entertainment, Kommunikation und Philosophie. Die Auswahl ergibt sich aus meinem Interessen- und Arbeitsfeld und beruht auf dem Grundsatz, durch meine alltägliche Arbeit, bestimmte philosophische Ansichten zu transportieren. 

Diese basieren im Wesentlichen auf den Lehren des Daoismus und den Ideen des Radikalen Konstruktivismus bzw. der luhmannschen Kommunikationstheorie.  

Lao Tzu

Mein Interesse für chinesische Philosophie erblühte im zarten Alter von 16 Jahren. Damals ist mir ein wunderbares Buch von dem US-amerikanischen Mathematiker Raymond Smullyan in die Hände  geraten: Das Tao ist Stille. Dieses Buch erklärt sehr anschaulich und mit viel Humor die zweieinhalbtausend Jahre alten Lehren des chinesischen Meisters Lao Tzu (老子) vom Standpunkt eines modernen westlichen Betrachters aus.  

Ich war von Anfang an so begeistert von diesem Buch, dass ich alles regelrecht verschlungen hatte, was ich in die Hände bekam und was auch nur annähernd mit diesem Thema zu tun hatte. Dementsprechend groß war meine Freude, als ich während des Studiums auf Parallelen zwischen der modernen westlichen Epistemologie (Erkenntnislehre) und dem Daoismus gestoßen war. 

Gerhard Roth, ein bedeutender deutscher Neurobiologe und Verfechter des Radikalen Konstruktivismus unterscheidet in seinen Werken konsequent zwischen Wirklichkeit und Realität. Demnach ist Wirklichkeit die von unserem Gehirn konstruierte Erscheinungswelt. Diese wird im Daoismus als die Welt der abertausend Dinge bezeichnet und dem ewigen unerkennbaren Dao gegenübergestellt. Dao selbst entspricht der Realität im Sinne des Radikalen Konstruktivismus und stellt jenen unbekannten, unerkennbaren Ursprung dar, der Wahrnehmungsimpulse für die Konstruktion der Wirklichkeit in unserem Gehirn liefert.

Erstaunlich, dass man vor 2500 Jahren am anderen Ende der Welt, dieselben Gedanken formulierte, wie sie heute von führenden Philosophen und Wissenschaftlern auf beiden Seiten des Atlantiks diskutiert werden!

Verfasst von: nikandrow | November 9, 2007

Warum ist die Musikindustrie so steif?

Warum ist die Musikindustrie so steif, wenn es um Web 2.0 und neue Medien geht? Diese und viele anderen Fragen habe ich mir gestellt während meines Besuchs bei dem diesjährigen Medienforum in Mittweida (Sachsen).  

Viele interessante Medienmacher haben zu verschiedenen Themen rund um Web 2.0 referiert und versucht die Metamorphose der Medien zu beleuchten. Blogs, Podcasts, Wikis, Social Bookmarking das sind die Bretter, die die Welt bedeuten. Während Bands wie Radiohead im Alleingang Millionen von Alben online verkaufen, hat weder die Recording-, noch die Live-Industrie bis dato erkannt, wo die Zukunft der Branche liegt. Warum sind sie so steif? 

Vielleicht sollte ich die Antwort bei mir selbst suchen… Ein junger Mensch, seit sechs Jahren als Konzertveranstalter, Produktionsmanager, A&R und in der Künstlervermittlung tätig habe ich bis heute das Thema Web 2.0 gescheut und weder ein Blog angelegt, noch mich jemals großartig an einer öffentlichen Diskussion im Netz beteiligt. Nach nicht allzu langer Zeit ist man in gewohnten Denkstrukturen der eigenen Branche gefangen und neigt zum standardisierten Denken, wonach alles, was sich im Netz herumtreibt, Betrüger, Vandalen und Raubkopierer sind. 

Jetzt ist Schluss damit! Nach dem Gespräch mit dem PR-Blogger Klaus Eck ist auch mir klar geworden, dass man in die Offensive gehen muss, um sich vor Vandalismus im Netz zu schützen. Außerdem lassen sich durch neue Formen der Kommunikation wertvolle Impulse für die geschäftliche und persönliche Weiterentwicklung generieren.  

Niklas Luhmann, der Begründer der soziologischen Systemtheorie, begreift die Kommunikation als ein lebendiges Organismus, das aus seiner Umgebung (Gesprächskontext, Wortschatz und Gedächtnis der jeweiligen Kommunikationspartner) all das herausfiltert, was es zum Überleben braucht.

Folglich, um neue Geschäftsideen zu generieren und die eigene geistige Weiterentwicklung voranzutreiben, sollte man die Kommunikation also nicht überwachen, wie das einige Kommunikationsforscher vorschlagen, sondern sie vielmehr gewähren lassen und mit Input füttern. Ein einfaches Prinzip, das sich wunderbar mit den Techniken des Web 2.0 kombinieren lässt.

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